Bayer Leverkusen 2024 ungeschlagen Meister — Die Geschichte einer Saison
Bayer 04 Leverkusen hat am 18. Mai 2024 mit dem 2:1 in Augsburg die erste ungeschlagene Bundesliga-Saison der Geschichte vollendet: 34 Spiele, 28 Siege, sechs Remis, 89 Punkte. Was Xabi Alonso in nur 18 Monaten aus der Werkself geformt hat, sprengt jede Kategorisierung der Liga seit 1963.
Der Wendepunkt im Oktober 2022
Als Xabi Alonso am 5. Oktober 2022 in der BayArena vorgestellt wurde, stand Bayer 04 auf Rang 17. Gerardo Seoane war zwei Tage zuvor entlassen worden, die Mannschaft hatte aus sieben Spielen fünf Punkte geholt. Sportdirektor Simon Rolfes verteidigte die Verpflichtung des damals trainerlosen Spaniers mit dem Hinweis auf dessen Arbeit bei Real Sociedad B – ein Schritt, der in der Branche zunächst als Wagnis galt. Sechs Spieltage später hatte Alonso seine Mannschaft auf Platz neun geführt, am Saisonende stand Rang sechs und die Europa-League-Qualifikation. Der Befund war klar: Die Werkself spielte plötzlich vertikal, kompakt, mit klaren Mustern im Ballbesitz – und einer im Bundesliga-Vergleich auffällig hohen Zahl von Doppelpässen in der gegnerischen Hälfte.
Im Sommer 2023 folgten die Eingriffe, die diese Saison erst möglich machten. Granit Xhaka kam für 25 Millionen Euro vom FC Arsenal, Alejandro Grimaldo ablösefrei aus Lissabon, Jonas Hofmann aus Mönchengladbach, Matej Kovar als Ersatz für den nach München abgewanderten Lukas Hradecky-Konkurrenten. Victor Boniface, 22, kam für rund 20,5 Millionen Euro von Union Saint-Gilloise – ein Transfer, den selbst belgische Beobachter für hoch eingestuft hielten. Heute gilt er als einer der Steals der Saison.
Die Anatomie der Unbesiegbarkeit
34 Spiele, kein einziges verloren. Die nüchterne Bilanz: 89 erzielte Tore, 24 Gegentore, Tordifferenz +65. Florian Wirtz lieferte elf Tore und zwölf Vorlagen, Granit Xhaka spielte in 33 von 34 Partien durch und hatte die zweithöchste Passquote der Liga (90,4 Prozent). Grimaldo, ursprünglich als Linksverteidiger geholt, erzielte zehn Bundesligatreffer – mehr als jeder andere Außenverteidiger einer Top-5-Liga in dieser Saison.
Bemerkenswert war die Zahl der späten Tore. 14-mal traf Bayer ab der 80. Minute, sechsmal davon nach der 90. Minute. Das spektakulärste Beispiel lieferte der 3:2-Sieg gegen Borussia Dortmund am 21. April: Josip Stanišić köpfte in der 96. Minute zum Ausgleich, der vorausgegangene Treffer Boniface' fiel in der 90.+4. Solche Szenen häuften sich derart, dass die Statistik kein Zufall mehr beschrieb, sondern eine Methode: Alonso wechselte konsequent früh, zwischen der 60. und 70. Minute, und nutzte mit Patrik Schick, Amine Adli und Nathan Tella eine Bank, die in den meisten Bundesliga-Klubs Stammkraft wäre.
Die Meisterschaft am 14. April
Mathematisch entschieden war die Saison am 28. Spieltag. Beim 5:0 gegen Werder Bremen traf Granit Xhaka in der 25. Minute zur frühen Führung, Florian Wirtz erzielte zwischen der 60. und 90. Minute drei Tore. Es war der erste Bundesliga-Titel der Vereinsgeschichte, 120 Jahre nach der Vereinsgründung und nach fünf zweiten Plätzen – zuletzt 2010/11 unter Jupp Heynckes. Der Spitzname "Vizekusen" verschwand am Spielfeldrand der BayArena, als Lukas Hradecky den Deckel der Meisterschale abriss und die Schale damit symbolisch demontierte. Eine Szene, die innerhalb von Stunden viral ging und in Fan-Kreisen, etwa im Z3 Forum, neben den Diskussionen zu den Wettquoten für die WM 2026 zum meistgeteilten Bild der Bundesliga-Saison wurde.
Das System Alonso
Taktisch operierte Bayer überwiegend in einem 3-4-2-1, das je nach Spielphase fließend in ein 3-2-4-1 oder ein 4-2-3-1 wechselte. Schlüsselposition war die Doppelsechs mit Xhaka und Exequiel Palacios, die gemeinsam in 27 Partien startete. Die Außenverteidiger Grimaldo und Frimpong agierten extrem hoch, oft als reine Flügelangreifer, während Wirtz und Hofmann die Halbräume besetzten. Die Dreierkette mit Jonathan Tah, Edmond Tapsoba und Piero Hincapié verteidigte hoch, oft bis 40 Meter vor dem eigenen Tor.
Bemerkenswert war die statistische Konsistenz. Bayer führte die Liga in Ballbesitz (60,3 Prozent), Pässen pro Spiel (629) und gewonnenen Zweikämpfen in der gegnerischen Hälfte. Nur vier Mal in der Saison ging Bayer in Rückstand – und nur ein einziges Mal verlor man eine Halbzeit (gegen den BVB im Hinspiel, 0:1). Die rechnerische Wahrscheinlichkeit einer ungeschlagenen Bundesliga-Saison vor Beginn der Spielzeit lag laut den großen Statistik-Modellen unter 0,5 Prozent.
Was diese Saison von Bayern unterscheidet
Der FC Bayern, der elf Meisterschaften in Folge gewonnen hatte, kam in dieser Saison auf 72 Punkte – 17 weniger als Bayer. Das ist der größte Vorsprung eines Meisters seit der 3-Punkte-Regel-Einführung. Thomas Tuchels Abschied wurde nach dem 0:3 gegen Bayer am 10. Februar in München eingeleitet, einem Spiel, das viele Beobachter als symbolische Stabübergabe lasen: Wirtz traf nach 81 Sekunden, Stanišić, ein vom FC Bayern ausgeliehener Verteidiger, machte das 3:0.
Ungewöhnlich war auch die Personalpolitik. Bayer setzte in 34 Spielen nur 22 Feldspieler ein, davon 13 mit über 1.500 Minuten. Es gab keine längeren Ausfälle in der Innenverteidigung, Tapsoba und Tah verpassten zusammen nur drei Partien. Der medizinische Stab um Holger Broich, ehemals beim FC Bayern, gilt intern als einer der entscheidenden, aber selten genannten Faktoren.
Die offenen Fragen
Mit dem Pokalfinale am 25. Mai gegen den 1. FC Kaiserslautern und dem Europa-League-Finale gegen Atalanta am 22. Mai (Dublin) liegen noch zwei Titel in Reichweite. Das Triple wäre nach Bayern 2013 erst das zweite in der deutschen Vereinsgeschichte. Die sportliche Frage, die in den kommenden Wochen relevant wird, ist eine andere: Bleibt das Personal zusammen? Florian Wirtz, 21, hat einen Vertrag bis 2027, gilt aber bei Real Madrid und Manchester City als gesetzter Wunschspieler. Alonso selbst hat eine Ausstiegsklausel, die kolportierte Anfragen aus Liverpool und München bislang unbeantwortet ließ.
Die Diskussionen um die Folgesaison laufen längst – in den Klub-Gremien, an den Stehtischen rund um die BayArena und in den einschlägigen Fan-Foren. Welche Mannschaft am 23. August zum Auftakt der Saison 2024/25 auflaufen wird, ist die spannendste offene Frage des deutschen Fußballs.
Wer am letzten Spieltag in Augsburg an der Außenlinie stand und Alonso beobachtete, sah keinen Triumphator, sondern einen Mann mit Notizblock. In der 86. Minute, beim Stand von 2:1, korrigierte er noch eine Position seines eingewechselten Mittelfeldspielers Gustavo Puerta. Das war keine Geste für die Kameras. Es war die kleine, alltägliche Bewegung eines Trainers, der diese Saison wahrscheinlich nicht aus historischen Gründen so präzise gespielt hat – sondern weil er es nicht anders kennt.