Eishockey

Eishockey-WM 2024 Tschechien: Was Deutschland mitnahm

Ein Jahr nach dem historischen Silbercoup von Tampere endete die WM für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft im Prager Viertelfinale mit 1:3 gegen die Schweiz — und der Erkenntnis, dass der Sprung zur konstanten Weltspitze noch nicht vollzogen ist.

Das Ende kam früher als erhofft

Am 23. Mai war für das Team von Bundestrainer Harold Kreis Schluss. In der O2-Arena von Prag unterlag die DEB-Auswahl der Schweiz mit 1:3, das einzige deutsche Tor in dieser Partie erzielte Wojciech Stachowiak in der 39. Minute. Andres Ambühl, mit 40 Jahren ältester Spieler des Turniers, hatte die Eidgenossen in der 8. Minute in Führung gebracht; Sven Andrighetto (44.) und Nino Niederreiter (58., empty net) machten den Einzug ins Halbfinale für die Schweiz perfekt. Damit wiederholte sich für Deutschland das Muster vergangener Jahre: stark in der Vorrunde, schwach im K.o.-Spiel — mit der großen Ausnahme 2023.

Die Vorrunde in Gruppe A hatte durchaus Mut gemacht. Fünf Siege aus sieben Spielen, darunter ein 6:3 gegen die USA am 18. Mai, ließen viele Beobachter an einen erneuten Coup glauben. Niederlagen gab es gegen Schweden (1:6) und Kasachstan — letzteres ein 1:2 nach Penaltyschießen, das vor allem deshalb bemerkenswert blieb, weil Deutschland gegen einen Außenseiter über 60 Minuten nicht den entscheidenden Treffer fand.

Die personellen Lücken waren spürbar

Kreis musste in Prag auf ein gutes halbes Dutzend Stammkräfte verzichten. Leon Draisaitl, der mit den Edmonton Oilers tief in den NHL-Playoffs steckte, fehlte ebenso wie Tim Stützle (Ottawa, verletzt), Moritz Seider (Detroit) und John-Jason Peterka (Buffalo). Auch Philipp Grubauer stand nicht zur Verfügung. Damit fehlten der Mannschaft im Vergleich zu Tampere 2023 nicht nur individuelle Klasse, sondern auch jene Spieler, die in den entscheidenden Momenten den Unterschied gemacht hatten — Draisaitls Tor im Halbfinale gegen die USA bleibt in Erinnerung.

Im Tor übernahm Mathias Niederberger erneut die Verantwortung, ergänzt durch Philipp Maurer und Tobias Ancicka. Niederberger zeigte solide Leistungen, kam in sechs Einsätzen auf eine Fangquote von rund 91 Prozent, hatte gegen die Schweiz beim 1:3 aber nicht seinen besten Tag. Das DEB-Team kompensierte die NHL-Ausfälle durch Spieler aus der DEL, der Schweizer National League und schwedischen SHL — ein Aufgebot, das eher der Realität des deutschen Eishockeys entspricht als das Star-Ensemble von Tampere.

Wer überzeugte, wer blieb blass

Positiv hervorzuheben war Yasin Ehliz. Der Münchner Stürmer kam auf sieben Scorerpunkte (3 Tore, 4 Assists) in acht Spielen und war in der Offensive der konstanteste deutsche Akteur. Auch Marcel Noebels, mittlerweile Routinier mit über 100 Länderspielen, übernahm in der Offensivzone Verantwortung. Bei den jüngeren Kräften überzeugte vor allem Stachowiak, der mit seinem Tor gegen die Schweiz und drei weiteren Treffern im Turnier ein Empfehlungsschreiben abgab.

In der Defensive blieb Moritz Müller stabil, Kapitän in dieser Rolle und mit fast 38 Jahren ein Anker für die jüngeren Verteidiger. Schwächer präsentierte sich das Powerplay: Die Effizienz lag bei 13,3 Prozent — ein Wert, der für ein Viertelfinal-Team in der heutigen Eishockey-Welt zu niedrig ist. Zum Vergleich: Die Tschechen, die das Turnier vor heimischem Publikum gewannen, kamen auf über 28 Prozent.

Tschechien holt Gold, Schweiz fällt im Finale

Ohnehin war das Endspiel am 26. Mai eine tschechische Angelegenheit. Vor 17.413 Zuschauern in der ausverkauften O2-Arena schlug der Gastgeber die Schweiz mit 2:0. David Pastrnak, der unmittelbar nach dem Ausscheiden der Boston Bruins eingeflogen war, erzielte in der 50. Minute das 1:0, David Kämpf machte mit dem Empty-Net-Tor in der 59. Minute alles klar. Für Tschechien war es der erste WM-Titel seit 2010, gefeiert wurde bis tief in die Nacht auf dem Altstädter Ring. Bronze ging an Schweden, das im kleinen Finale die USA mit 4:2 bezwang.

Für Deutschland endete das Turnier auf Rang sieben — gemessen am Maßstab Tampere ein Rückschritt, gemessen an der Geschichte des deutschen Eishockeys vor 2023 weiterhin ein ordentliches Resultat. Die Frage ist nur, an welchem Maßstab man künftig gemessen werden möchte.

Was Kreis und der DEB mitnehmen

Harold Kreis sprach nach dem Schweiz-Spiel von "Lehrgeld" und davon, dass man "die Big Points in den entscheidenden Momenten" nicht gemacht habe. Das ist nüchtern formuliert und trifft den Kern: Im ersten Drittel gegen die Schweiz hatte Deutschland ein klares Chancenplus, ging aber 0:1 in die Kabine. Wer gegen Top-Nationen seine Phasen nicht in Tore ummünzt, verliert im Viertelfinale — das ist Eishockey-Mathematik.

Strukturell bleibt die Frage nach der Tiefe des Kaders. Deutschland hat inzwischen vier, fünf NHL-Stammkräfte, doch sobald zwei oder drei davon ausfallen, sinkt das Niveau spürbar. Die DEL liefert solide Spieler, aber zu wenige, die in der WM-K.o.-Phase den Unterschied machen. Hier muss der DEB ansetzen — Nachwuchsarbeit, Förderkonzepte, internationale Erfahrung früher sammeln lassen.

Der nächste sportliche Höhepunkt im deutschen Eishockey wird die WM 2025 in Stockholm und Herning sein, gefolgt von den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand und Cortina, bei denen erstmals seit 2014 wieder NHL-Profis teilnehmen sollen. Dann wären auch Draisaitl, Stützle, Seider und Co. dabei — und der Anspruch ein anderer. In den einschlägigen Sport-Communitys, vom Z3 Forum bis zu spezialisierten Eishockey-Boards, wird bereits diskutiert, ob Deutschland mit voller Kapelle realistisch um Medaillen mitspielen kann. Die Antwort der Fachwelt fällt vorsichtig optimistisch aus.

Eine Einordnung aus der Distanz

Wer in Prag in der Halle saß, spürte den Unterschied zu Tampere 2023 deutlich. Damals trug eine Welle das Team, aus jedem Drittel wuchs Selbstvertrauen, jedes Tor ein Statement. In Prag wirkte die DEB-Auswahl bemüht, aber selten zwingend. Das ist keine Schande — ein Viertelfinale gegen die Schweiz ist auf Augenhöhe, und das 1:3 keine Klatsche. Doch die Erkenntnis lautet: Silber 2023 war ein Ausnahmeergebnis, kein neuer Standard.

Für Harold Kreis, dessen Vertrag bis 2026 läuft, beginnt nun die Detailarbeit. Powerplay-Effizienz, Tordistribution über mehr als zwei Reihen, mentale Standfestigkeit in K.o.-Spielen — das sind die Baustellen. Der deutsche Eishockey-Bund hat in den vergangenen Jahren strukturell viel richtig gemacht, aber der Sprung zur dauerhaften Top-Sechs-Nation ist noch nicht vollzogen. Prag war ein Realitätscheck, keine Katastrophe. Wer ehrlich hinschaut, hat das so erwartet.

Über den Autor

Jens Kunz, Sportreporter aus Köln. Zwölf Jahre Stadion-Erfahrung von der 2. Bundesliga bis zur Champions League. Schreibt für swpkontakt.org über Bundesliga, internationalen Fußball und Multisport-Großereignisse.