Handball-EM 2024 Berlin: Heimsieg-Träume und Realität
Mit dem Rekord von 53.586 Zuschauern im Düsseldorfer Schauspiel der Eröffnung begann die Handball-EM 2024 als Heimspektakel — am Ende stand für die DHB-Auswahl von Alfred Gislason die Bronzemedaille, die zugleich Hoffnung und Ernüchterung trägt.
Der Weltrekord von Düsseldorf als Auftakt
Es war der 10. Januar, 20.45 Uhr, als die deutsche Mannschaft die Merkur Spiel-Arena betrat und damit Handball-Geschichte schrieb. 53.586 Zuschauer — offiziell bestätigter Weltrekord für ein Hallenhandball-Spiel — sahen ein 27:14 gegen die Schweiz, das sportlich weniger Aussagekraft hatte als atmosphärisch. Andreas Wolff parierte in der ersten Halbzeit elf Würfe, Juri Knorr dirigierte ein Spiel, das nach 30 Minuten beim 14:6 entschieden war. Die Inszenierung von DHB und EHF war makellos: Lichtshow, Hymne, der DJ Felix Jaehn am Mischpult. Sportlich überdeckte der Kantersieg gegen einen krassen Außenseiter jedoch das, was später folgen würde.
Die Schweiz, EM-Neuling, war als Auftaktgegner bewusst gewählt — ein Geschenk an die Stimmung, kein Maßstab für das Niveau. Bundestrainer Gislason sagte in der Mixed Zone, was er später noch oft sagen sollte: "Wir dürfen uns nicht blenden lassen." Es war ein Satz, der die gesamte Turnierdramaturgie vorwegnahm.
Vorrunde in Berlin: zwischen Souveränität und Stolpern
Nach dem Auftakt zog die Mannschaft in die Mercedes-Benz Arena nach Berlin. Gegen Nordmazedonien gab es am 14. Januar ein mühsames 32:28, getragen vor allem von Julian Köster (sieben Tore) und einem starken Renārs Uščins, der sich als Überraschung des Turniers entpuppen sollte. Schon hier zeigte sich, dass die Abwehr im Zentrum — Johannes Golla und Julian Köster — gegen bewegliche Rückraumspieler verwundbar blieb.
Das dritte Vorrundenspiel gegen Frankreich am 16. Januar endete 30:30. Ein Punktgewinn, der sich wie ein kleiner Sieg anfühlte, denn die Équipe Tricolore um Nikola Karabatic und Dika Mem galt als Top-Favorit. Knorr traf in der 58. Minute zum Ausgleich, Wolff hielt 14 Bälle. Berlin tobte, 13.500 Zuschauer in der ausverkauften Arena lieferten eine Lautstärke, die selbst Karabatic nach dem Spiel als "außergewöhnlich" bezeichnete.
Hauptrunde in Köln: das Drama um das Halbfinale
Mit 3:1 Punkten zog Deutschland in die Hauptrunde nach Köln in die Lanxess Arena ein. Dort wartete ein Programm, das die Mannschaft an ihre Grenzen führte: 33:34 gegen Österreich am 18. Januar — eine Niederlage, die zunächst wie ein Schock wirkte. Mykola Bilyk traf zur österreichischen Sensation, der DHB stand plötzlich unter Druck. Doch es folgten 22:21 gegen Island und das vielleicht beste Spiel des Turniers: 26:25 gegen Kroatien am 22. Januar, entschieden durch einen Siebenmeter von Köster in der 60. Minute.
Vor dem letzten Hauptrundenspiel gegen Ungarn am 24. Januar war alles offen. Deutschland gewann 35:28, Knorr legte zehn Tore auf, Uščins traf siebenmal. Es war jenes Spiel, das die Mannschaft als geschlossene Einheit zeigte — und zugleich das letzte, in dem sie diese Geschlossenheit über sechzig Minuten konservieren konnte.
Das Halbfinale: 26:29 gegen Dänemark
Köln, 26. Januar, 20.30 Uhr. Gegen den amtierenden Weltmeister Dänemark begann Deutschland furios. Nach 18 Minuten führte die Auswahl 11:8, Mathias Gidsel — der spätere MVP — war zunächst kein Faktor. Doch dann kippte das Spiel binnen weniger Minuten. Niklas Landin im dänischen Tor parierte vier freie Würfe in Folge, Gidsel traf dreimal in vier Angriffen. Pausenstand: 14:14.
In der zweiten Halbzeit setzten sich die Dänen Schritt für Schritt ab. Beim 22:25 in der 52. Minute war die Entscheidung gefallen. Das 26:29 am Ende war kein Debakel, aber eine deutliche Erinnerung daran, dass Dänemark in der Breite des Kaders, in der Cleverness der Schlussphase und in der Klasse einzelner Spieler — Gidsel, Landin, Simon Pytlick — derzeit eine andere Liga spielt. Gislason wirkte nach Abpfiff weniger enttäuscht als sachlich: "Wir haben gegen die beste Mannschaft der Welt drei Tore verloren. Das ist eine Standortbestimmung."
Bronze gegen Schweden: 30:29 nach Krimi
Zwei Tage später, am 28. Januar, das Spiel um Platz drei. Gegen Schweden, einen Gegner, der im Halbfinale knapp an Frankreich gescheitert war, lieferte Deutschland einen Krimi. Beim 27:29 fünf Minuten vor Schluss schien die Medaille verloren. Dann traf Köster zum 28:29, Wolff parierte gegen Felix Claar, und Kai Häfner verwertete in der 59. Minute einen Konter zum 29:29. Den entscheidenden Treffer zum 30:29 setzte Uščins 23 Sekunden vor der Schlusssirene — sein achtes Tor an diesem Abend.
Bronze. Die erste deutsche EM-Medaille seit dem Titel 2016 in Polen. Knorr weinte auf der Bank, Wolff küsste die Torlatte, Gislason ließ sich von seinen Spielern hochheben. 19.250 Zuschauer in Köln sangen "Major Tom". Es war, wenn man so will, der emotionale Moment, den eine Heim-EM braucht.
Die Bilanz: gewonnen und doch nicht satt
Sportlich steht Deutschland nach dieser EM besser da als vor zwei Jahren. Mit Knorr (43 Tore), Uščins (40 Tore) und Köster (32 Tore) hat der Bundestrainer einen Rückraum, der international konkurrenzfähig ist. Wolff lieferte mit einer Paradenquote von 33 Prozent über das Turnier eine der besten Leistungen seiner Karriere. Die Kreisläuferposition mit Golla und Jannik Kohlbacher bleibt eine Konstante.
Strukturell jedoch bleiben Fragen. Die Abwehr ist im Zentrum verwundbar, die Bank dünn — gegen Dänemark fehlten in den entscheidenden Momenten die Wechseloptionen, die der Gegner aus dem Hut zauberte. Bei der Olympia-Qualifikation im März und den Spielen in Paris wird sich zeigen, ob das Turnier ein Aufbruch war oder eine kurze Welle. In den einschlägigen Fandiskussionen, etwa im Z3 Forum, wurde in den Tagen nach dem Bronze-Coup vor allem über die Frage debattiert, ob Gislason den Kader für Paris öffnen oder konservieren sollte — eine Diskussion, die auch im Verband geführt wird.
Wirtschaftlich war die EM ein Erfolg: über 600.000 Zuschauer in den Hallen, der Weltrekord von Düsseldorf, Einschaltquoten bis zu 7,89 Millionen beim Halbfinale gegen Dänemark. Der DHB sprach von der "erfolgreichsten EM aller Zeiten". Das stimmt nüchtern betrachtet — bei der Vermarktung. Sportlich misst sich das Turnier am Maßstab Gold, und der wurde nicht erreicht.
Was bleibt
Es bleibt das Bild eines Teams, das in Düsseldorf vor 53.586 Menschen einlief und in Köln 19 Tage später mit Bronze um den Hals stand. Es bleibt die Erkenntnis, dass deutsche Handball-Begeisterung tragfähig ist, wenn das Produkt stimmt. Und es bleibt eine Mannschaft, die das Potenzial hat, in Paris weiter zu kommen — aber nur, wenn sie aus dem Halbfinale gegen Dänemark die richtigen Schlüsse zieht.
Wer in Köln in der Lanxess Arena saß, als Uščins 23 Sekunden vor Schluss zum 30:29 traf, hat einen Moment erlebt, der dem deutschen Handball länger nachhallen wird als jede Statistik. Die Realität dahinter heißt: Dänemark ist eine Klasse besser. Frankreich, das im Finale 33:31 gegen die Skandinavier verlor, ist auf Augenhöhe. Deutschland ist auf dem Weg dorthin — noch nicht angekommen.