Tour de France 2024: Pogačars dritter Gesamtsieg
Tadej Pogačar hat die 111. Tour de France gewonnen und sich nach 2020 und 2021 zum dritten Mal das Gelbe Trikot gesichert. Mit dem Erfolg auf den Champs-Élysées – an diesem Jahr ersetzt durch ein Einzelzeitfahren von Monaco nach Nizza – gelingt dem 25-jährigen Slowenen zudem das erste Giro-Tour-Double seit Marco Pantani 1998.
Sieben Etappensiege und 6:17 Minuten Vorsprung
Pogačars Dominanz lässt sich in Zahlen fassen, die in der jüngeren Tour-Geschichte ihresgleichen suchen. Sieben Etappensiege gehen auf das Konto des UAE-Team-Emirates-Kapitäns – so viele wie zuletzt Eddy Merckx 1974. Im Gesamtklassement verwies er Jonas Vingegaard (Visma–Lease a Bike) um 6:17 Minuten auf Rang zwei, der Belgier Remco Evenepoel (Soudal Quick-Step) folgt mit 9:18 Minuten Rückstand auf Platz drei. Pogačar gewann darüber hinaus die Bergwertung mit 103 Punkten und das Trikot des kämpferischsten Fahrers, das bei der diesjährigen Tour an den Spanier Carlos Rodríguez ging.
Die Tour begann am 29. Juni in Florenz – erstmals startete die Frankreich-Rundfahrt auf italienischem Boden. Bereits auf der vierten Etappe nach Valloire übernahm Pogačar das Gelbe Trikot, das er bis ins Ziel nicht mehr abgab. Lediglich an zwei Tagen – nach der neunten Etappe über die Schotterpisten der Champagne und nach dem ersten Ruhetag – schrumpfte sein Vorsprung kurzfristig unter eine Minute.
Die Schlüsseletappen: Galibier, Pla d'Adet, Col de la Couillole
Den ersten schweren Schlag setzte Pogačar am 2. Juli auf der vierten Etappe. Über den Col du Galibier attackierte er 4,7 Kilometer vor dem Gipfel und holte sich nicht nur das Gelbe Trikot, sondern auch 35 Sekunden auf Vingegaard. Der Däne, der sich erst Anfang Mai bei der Baskenland-Rundfahrt schwer gestürzt hatte, wirkte sichtbar limitiert – ein Eindruck, der sich auch in den folgenden Bergetappen bestätigen sollte.
Auf der 14. Etappe nach Pla d'Adet baute Pogačar seinen Vorsprung mit einem Solo über die letzten 4,5 Kilometer auf 1:57 Minuten aus. Die endgültige Entscheidung fiel zwei Tage später am Plateau de Beille, wo Vingegaard erstmals deutlich kapitulieren musste: 1:08 Minuten Rückstand im Ziel, ein neuer Streckenrekord für Pogačar mit 51:14 Minuten – schneller als Marco Pantani 1998. Den symbolischen Schlusspunkt setzte der Slowene auf der 20. Etappe zum Col de la Couillole, wo er Vingegaard noch einmal 1:02 Minuten abnahm.
Das Zeitfahren von Monaco nach Nizza
Weil Paris wegen der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele nicht zur Verfügung stand, endete die Tour erstmals seit 1903 nicht in der Hauptstadt. Die 21. Etappe führte als Einzelzeitfahren über 33,7 Kilometer von Monaco nach Nizza – mit der Auffahrt zur La Turbie und dem Col d'Èze ein anspruchsvolles Finale. Pogačar gewann auch hier: 6 Sekunden vor Vingegaard, 1:03 Minuten vor Evenepoel. Damit holte er seinen siebten Tagessieg, übertroffen in der modernen Tour-Geschichte nur von Charles Pélissier (1930) und Merckx selbst.
Die deutsche Bilanz fällt überschaubar aus. Pascal Ackermann (Israel–Premier Tech) verpasste auf der dritten Etappe nach Turin als Vierter knapp das Podium, Nils Politt (UAE) arbeitete erneut als Edelhelfer für Pogačar. Der beste deutsche Gesamtklassement-Fahrer war Georg Zimmermann (Intermarché–Wanty) auf Rang 26.
Vingegaards Comeback bleibt unvollendet
Dass Vingegaard nach seinem Sturz in Itzulia Baskenland – Schlüsselbeinbruch, Rippenfrakturen, Lungenquetschung, elf Tage Krankenhaus – überhaupt an der Startlinie in Florenz stand, war bemerkenswert. Der zweimalige Tour-Sieger absolvierte vor der Frankreich-Rundfahrt nur ein Rennen, das Critérium du Dauphiné war für ihn kein Thema. „Vor sechs Wochen wusste ich nicht, ob ich überhaupt fahren kann“, sagte der 27-Jährige nach der Schlussetappe in Nizza. „Zweiter zu sein, fühlt sich an wie ein Sieg.“
Sportlich war Vingegaard in den entscheidenden Momenten dennoch chancenlos. Sein Team Visma–Lease a Bike, im Vorjahr noch erdrückend stark, verlor mit Wout van Aert (Vorbereitungssturz) und Sepp Kuss (Covid) zwei Schlüsselfahrer und konnte Pogačar in den Bergen kein Tempo entgegensetzen. UAE Team Emirates stellte mit Adam Yates, João Almeida und Juan Ayuso dagegen drei Fahrer in die Top Ten – Yates wurde Vierter, Almeida Vierter der Punktewertung.
Historische Einordnung und der Blick auf Vuelta und WM
Pogačar ist erst der achte Fahrer, dem das Giro-Tour-Double in einer Saison gelingt – nach Fausto Coppi (1949, 1952), Jacques Anquetil (1964), Eddy Merckx (1970, 1972, 1974), Bernard Hinault (1982, 1985), Stephen Roche (1987), Miguel Indurain (1992, 1993) und Pantani (1998). Mit drei Tour-Siegen liegt er zudem gleichauf mit Greg LeMond, Philippe Thys und Louison Bobet. Vier weitere Erfolge bis zum Rekord von Merckx, Hinault, Anquetil und Indurain sind, das deutete er in Nizza an, ein realistisches Ziel: „Ich bin 25. Ich habe Zeit.“
Konkret steht zunächst die Straßenrad-WM in Zürich vom 21. bis 29. September im Kalender, wo Pogačar nach Bronze 2023 in Glasgow zu den Favoriten zählt. Die Vuelta a España (17. August bis 8. September) wird er auslassen – UAE hat das nach der Tour-Pressekonferenz bestätigt. Stattdessen plant der Slowene das Klassiker-Triple Il Lombardia (12. Oktober), wo er bereits dreimal in Folge gewann.
Reaktionen und Ausblick
Der Tour-Direktor Christian Prudhomme sprach am Sonntagabend in Nizza von einer „außergewöhnlichen Ausgabe“ und einem „Sieger, wie ihn der Radsport seit Merckx nicht mehr gesehen hat“. In den einschlägigen Foren – etwa im Z3 Forum, in dem sich sonst eher die Fußball-Community trifft und derzeit ohnehin die Quoten zur WM 2026 diskutiert werden – wurde am Sonntagabend parallel über die historische Dimension debattiert: Ist Pogačar bereits jetzt der beste Rundfahrer seit Indurain? Die Mehrheit der Stimmen tendiert dazu.
Offen bleibt, wie lange das Niveau des Slowenen gehalten werden kann. Sechs Wochen Giro, drei Wochen Tour, dazu die Klassikersaison im Frühjahr mit Siegen bei Strade Bianche, Lüttich–Bastogne–Lüttich und der Flèche Wallonne: Pogačar hat 2024 ein Pensum absolviert, das in der WorldTour kein zweiter Fahrer leistet. Dass UAE-Team-Manager Mauro Gianetti ihn 2025 erneut auf das Double ansetzen will, hat er bereits ausgeschlossen – der Tour-Sieg habe Vorrang.
Was am Sonntag in Nizza zu sehen war, war keine Tour der knappen Entscheidungen, sondern eine Tour der klaren Verhältnisse. Pogačar hat in den drei Wochen zwischen Florenz und der Côte d'Azur nicht nur gewonnen, er hat das Feld auseinandergefahren. Der vermeintlich engste Rivale verlor mehr als sechs Minuten – ein Abstand, wie ihn die Tour zuletzt 2014 unter Vincenzo Nibali sah. Wer das Duell der nächsten Jahre an die Spitze setzen will, muss zunächst erklären, wie er diesen Rückstand verkürzen will.