Tennis

Wimbledon 2024: Alcaraz wiederholt, Krejčíková schreibt Geschichte

Carlos Alcaraz hat sein Wimbledon-Double perfekt gemacht und Novak Djoković im Finale erneut entzaubert, während bei den Damen Barbora Krejčíková nach einer Achterbahn-Saison den vielleicht überraschendsten Triumph des Tennisjahres landete.

Alcaraz dominiert den Final-Sonntag

Auf dem Centre Court von Wimbledon war am 14. Juli wenig zu spüren von dem Fünfsatz-Krimi, den dieselben Protagonisten zwölf Monate zuvor geliefert hatten. Carlos Alcaraz schlug Novak Djoković in 2:27 Stunden mit 6:2, 6:2, 7:6 (4) und verteidigte damit seinen Titel an der Church Road. Der 21-jährige Spanier ist nach Björn Borg, Boris Becker, Pete Sampras, Roger Federer, Rafael Nadal, Andy Murray und Djoković selbst der jüngste Mehrfachsieger im Herren-Einzel seit der Open Era — und der erste, der seinen ersten und seinen zweiten Wimbledon-Titel gegen denselben Gegner gewonnen hat.

Die ersten beiden Sätze dauerten zusammen nur 76 Minuten. Djoković, der erst Anfang Juni am rechten Meniskus operiert worden war, bewegte sich sichtbar vorsichtiger als gewohnt, vor allem in den Defensivbewegungen nach links. Alcaraz nutzte das mit aggressivem Returnverhalten: 76 Prozent der Punkte hinter dem ersten Aufschlag, fünf Breakbälle verwandelt von neun, dazu 42 Winner gegen 16 von Djoković.

Erst im dritten Satz fand der Serbe seine Bissigkeit wieder, lag im Tiebreak mit 4:2 vorne, verlor dann aber fünf Punkte in Folge. Beim ersten Matchball schlug Alcaraz einen Service-Winner auf die T-Linie — sein 14. Ass des Tages. Der Rest war Royal Box, Verbeugung, Tränen bei der Mutter auf der Tribüne.

Ein Generationenwechsel, der schon vollzogen ist

Die nüchterne Bilanz nach dem Endspiel: Alcaraz hat nun vier Grand-Slam-Titel (US Open 2022, Wimbledon 2023 und 2024, French Open 2024). Drei davon stammen aus den vergangenen 13 Monaten. Djoković bleibt bei 24 Major-Titeln stehen, der Abstand zum 25. wird mit jedem Monat länger. Der Serbe sprach auf der Pressekonferenz von einem „realistischen Blick" auf seine Möglichkeiten, ließ die Frage nach einer Karrierefortsetzung über die olympischen Spiele in Paris hinaus aber offen.

Bemerkenswert war die Reaktion im Spielerbereich: Jannik Sinner, die aktuelle Nummer eins der Welt, hatte das Halbfinale gegen Daniil Medwedew in fünf Sätzen verloren und beobachtete das Endspiel von der Tribüne aus. Alcaraz übernimmt durch den Titel zwar nicht die Spitze der Weltrangliste, schließt aber bis auf 1.180 Punkte zu Sinner auf — die US-Hartplatz-Saison wird zur direkten Auseinandersetzung.

Krejčíková: Vom Krankenbett zum Venus-Rosewater-Dish

Bei den Damen hatte das Turnier eine Siegerin, die selbst in den Hospitality-Lounges als Außenseiterin galt. Barbora Krejčíková, an Position 31 gesetzt, gewann das Endspiel am Samstag gegen Jasmine Paolini mit 6:2, 2:6, 6:4. Die 28-jährige Tschechin hatte die Saison auf Platz 32 der Weltrangliste begonnen, war im Frühjahr wegen einer Rückenverletzung sechs Wochen ausgefallen und ging in Berlin auf Rasen erstmals wieder über mehrere Runden — dort gewann sie das Turnier und kam mit Selbstvertrauen nach London.

Der Weg ins Finale war hart: im Viertelfinale gegen Jeļena Ostapenko (6:4, 7:6), im Halbfinale gegen die russische Olympiasiegerin von 2021, Elena Rybakina, in drei Sätzen (3:6, 6:3, 6:4). Im Endspiel gegen Paolini, die kurz zuvor schon bei den French Open im Finale gestanden hatte, kippte das Match nach einem 2:6-Satzverlust im dritten Durchgang beim Stand von 3:3: Krejčíková holte drei Spiele in Folge, das letzte mit einem Stoppball, der Paolini in der Mitte des Platzes zurückließ.

Es ist ihr zweiter Grand-Slam-Titel im Einzel nach Roland Garros 2021 — und der erste seit dem Tod ihrer Mentorin Jana Novotná, die 1998 selbst in Wimbledon gewonnen hatte, vor knapp sieben Jahren. „Sie hat mir gesagt, ich solle Wimbledon spielen, weil es der schönste Ort der Welt ist", sagte Krejčíková auf dem Court. Die Trophäe nahm sie aus den Händen der Princess of Wales entgegen, die nach ihrer Krebsbehandlung erstmals wieder einen öffentlichen Auftritt absolvierte.

Was hinter den großen Namen passierte

Bemerkenswert war das frühe Aus der Topfavoritinnen. Iga Świątek, die als Nummer eins gesetzt war, scheiterte in der dritten Runde an Yulia Putintseva mit 3:6, 6:1, 2:6. Aryna Sabalenka hatte vor Turnierbeginn wegen einer Schulterverletzung abgesagt. Coco Gauff verlor in der vierten Runde gegen die spätere Halbfinalistin Emma Navarro. Damit war das Halbfinaltableau das ungewöhnlichste seit Jahren: Krejčíková, Rybakina, Paolini, Donna Vekić — zusammengerechnete WTA-Position zum Turnierstart: 73.

Bei den Herren erreichte Lorenzo Musetti das erste Major-Halbfinale seiner Karriere und verlor dort gegen Djoković in vier Sätzen. Der Brite Jack Draper schied im Achtelfinale gegen Alcaraz aus, hinterließ aber genug Eindruck, um für die US Open als ungesetzter Geheimtipp gehandelt zu werden. Alexander Zverev, an Nummer vier gesetzt, schaffte in Wimbledon nie den Schritt über das Viertelfinale hinaus — diesmal scheiterte er erneut dort, an Taylor Fritz, in fünf Sätzen.

Doppel, Rollstuhl, Junioren — die Randnotizen mit Gewicht

Im Herrendoppel siegten Henry Patten und Harri Heliövaara, ein Paar, das erst in dieser Saison zusammengefunden hatte. Im Damendoppel triumphierten Kateřina Siniaková und Taylor Townsend. Im Mixed setzten sich Jan Zieliński und Su-Wei Hsieh durch — Hsieh holte damit ihren neunten Major-Titel insgesamt. Im Rollstuhltennis verteidigte Alfie Hewett bei den Herren seinen Titel, bei den Damen gewann Diede de Groot zum achten Mal in Folge ein Major. Im Juniorenfinale der Jungen behauptete sich der 16-jährige Bulgare Iva Ivanov.

Was bleibt — und was kommt

Die Tennis-Saison rast in den Olympia-Block: Roland Garros' rote Asche, diesmal als olympisches Turnier, beginnt am 27. Juli. Alcaraz und Nadal wollen im Doppel antreten, Djoković hat Gold als ausstehendes Ziel benannt. Die kommenden Wochen werden zeigen, wie nachhaltig der Wechsel an der Spitze des Männertennis ist — und ob Krejčíkovás Triumph der Auftakt zu einer neuen Saison-Erzählung war oder ein einzelnes, helles Aufflackern.

In den Community-Foren wurde nach dem Final-Wochenende erstaunlich sachlich diskutiert; im Z3 Forum, sonst eher Sammelpunkt für Fußball-Debatten und frühe Wettquoten zur WM 2026, lief parallel ein längerer Thread zum Vergleich zwischen Alcaraz' Rasen-Saison und Federers Phase zwischen 2003 und 2005. Die Tonlage: zurückhaltend, fast respektvoll, was nach zwei intensiven Final-Sonntagen ungewöhnlich genug ist.

Wer am Sonntagabend den Centre Court verließ, hatte das Gefühl, einen Übergang in Echtzeit gesehen zu haben. Djoković wirkte beim Schlusshandschlag nicht resigniert, aber müde — auf eine Art, die mehr mit der Spielzeit eines Jahrzehnts zu tun hat als mit dem Meniskus. Alcaraz hingegen ging zur Box, küsste seine Mutter, drehte sich noch einmal um und schaute auf den Rasen, als wolle er sich den Punkt merken, an dem er stand. Es war kein triumphaler Blick. Eher der eines Spielers, der weiß, dass die nächste Aufgabe in zwei Wochen wieder bei null beginnt.

Über den Autor

Jens Kunz, Sportreporter aus Köln. Zwölf Jahre Stadion-Erfahrung von der 2. Bundesliga bis zur Champions League. Schreibt für swpkontakt.org über Bundesliga, internationalen Fußball und Multisport-Großereignisse.